Es ist vollbracht- das Isländisch-Examen ist endlich unter Dach und Fach! Die norwegischen Klausurenlokalitäten und -verhältnisse waren allerdings etwas anders, als wir deutsche Studenten sie gewohnt sind. Zum ersten werden die Prüfungen nicht an der Uni geschrieben, sondern in meinem Fall an Orten, die so klangvolle Namen wir «Bethlehem» oder «Frikirken» tragen. Auch die ein oder andere Sporthalle wurde umfunktioniert, ganz wie in amerikanischen Filmen saßen wir jeder an unserem Tischchen und von allen Seiten wurde man beobachtet. Selbst bis kurz vors Klo folgten die «Examenswächter», das Ganze hat mich eher an mein Abitur denn an eine «normale» Semesterabschlussprüfung erinnert. Mit drei Wörterbüchern im Gepäck und 6 (!) Stunden Zeit durfte ich mich also ein letztes Mal in den isländischen Sprachdschungel begeben, und ich denke, dass ich mich nicht in ihm verirrt habe!

8 Tage verbringe ich nun noch in Norwegen- neben der Norwegisch-Klausur am Freitag (schriftlich) und Montag die Woche drauf (mündlich) habe ich nun endlich Zeit, mich in eine Vorweihnachtsstimmung versetzen zu lassen, die ihresgleichen sucht. Dies ist in Norwegen eigentlich relativ einfach, zieht man in Betracht, dass man sich hier vor lauter kleinen Wichtelchen, im Norwegischen «Julenisser», eigentlich nicht retten kann (und will). Selbst die Milchpackungen werden inzwischen von den kleinen Wesen geziert.

IMG_1453

Das Tageslicht wird hier merklich spärlicher, an Tagen, an denen sich der Himmel von einer Wolkendecke überzogen zeigt, hat man das Gefühl, dass das Licht schon gegen halb zwei wieder Dämmerungsverhältnisse annimmt. Die Bergenser allerdings wissen sich hier wunderbar zu helfen, schon seit Wochen hat sich eine ganz besondere Stimmung über die Stadt gelegt, fleißig wurde Weihnachtsbeleuchtung an allen erdenklichen Plätzen aufgehängt und mit dem «Lysfest», dem Lichterfest rund um den Lille Lungegårdsvann, unseren kleinen See inmitten der Stadt, wurde auch das letzte Lichtlein offiziell entzündet. Eine riesige Tanne steht nun auf dem Wasser und keine geringere als Norwegens Staatsministerin, Erna Sohlberg höchstpersönlich, durfte den Baum und die kleinen Bäumchen rund um den See dann ganz traditionell anknipsen. Fackeln wurden (kostenlos!) verteilt, ebenso wie Pepperkaker, kleine, gemeine, süchtig machende Pfefferkuchen, die in verführerisch riesigen Packungen die Supermärkte bevölkern und sich zum Verkaufsrenner entwickelt haben.

IMG_1548

Zudem haben wir Reflektoren bekommen und auch hierzu gibt es eine spannende Geschichte zu erzählen: Hier in Norwegen baumeln nun an fast allen Personen kleine Reflektoren- mich eingeschlossen, ich habe nun sogar zwei 🙂 Das ist eigentlich eine wirklich gute Angewohnheit, und ich frage mich, warum wir in Deutschland im Winter nicht auch schon auf diese Idee gekommen sind. Reflektoren werden hier nun überall kostenlos verteilt oder in netten Formen unters Volk gebracht.

Aber zurück zum Lichterfest: Ausgestattet mit Fackeln standen also tausende Bergenser und Wahlbergenser um den See, haben Weihnachtslieder gesungen und ein Konzert verschiedener Chöre und Bands bekommen. Den abschließenden Höhepunkt bildete schließlich ein gigantisches, 15-minütiges Feuerwerk, ich glaube, ich habe noch nie eines gesehen, dass mit dieser Größenordnung mithalten konnte!

IMG_1574

Doch die Lichtmetaphorik zieht sich weiter durch das vorweihnachtliche Norwegen: Auf dem Fløyen, unserem Hausberg, stehen seit wenigen Tagen vier gigantische Kerzen und heute, zum 1. Advent, wollte die erste offiziell angezündet werden- aufgrund eines Wackelkontaktes wurde das kurzerhand auf nächste Woche verschoben 😉 Nichtsdestotrotz haben kleine Nisser- ja, da sind sie wieder, jene kleinen netten Wesen des norwegischen Volksglaubens- gesungen, es gab eine Andacht und es wurde für die Stadt und ihre Bewohner gebetet. Danach hat sich der „Blåman» höchstpersönlich die Ehre gegeben und alle kleinen Kinder auf ein Weihnachtsmärchen eingeladen- Rotkäppchen wurde nämlich der „Risgrøt», der Reisbrei für den Julenisse, also das norwegische Pendant zum Weihnachtsmann, geklaut- Schuld waren natürlich die Trolle!

IMG_1614

Da sicherlich nicht alle meiner Blogleser mit den kleinen Wichtelchen vertraut sind, möchte ich euch eine kurze Erklärung geben, damit ihr wisst, warum sich auf allen Fotos und in meinen Berichten kleine rotmützige Wesen tummeln. Die Nisser waren ursprünglich kleine Männchen, die auf den Höfen gelebt haben sollen- den Bewohnern wohlgesonnen, sofern sie ihren Reisbrei, den „Julegrøt», in einem kleinen Schüsselchen am Weihnachtsabend serviert bekommen haben. Mussten sie auf diese Spezialität verzichten, bedeutete das Streiche und Schabernack für alle Bewohner des Hofes im Laufe des folgenden Jahres.

Diese Wesen und ihr Reisbrei sind hier unglaublich populär und ratet mal, was sich heute in meinem Bäuchlein befindet- original norwegischer Weihnachtsreisbrei, stilecht mit einem Klecks Butter, Zimt, Zucker und Rosinen gegessen, dazu mehrere Tassen Glögg (ohne Alkohol, nicht, dass ihr hier etwas Schlechtes von mir denkt!), eine davon vom Julenisse höchstpersönlich überreicht, der sich heute im Weihnachtshaus in Bryggen die Ehre gegeben hat.

Apropos Bryggen: Mein allerliebster vorweihnachtlicher Lieblingsort- am Abend durch die Holzgassen zu streifen und die Weihnachtsbeleuchtung und den großen Christbaum vor den hanseatischen Handelshäusern zu bewundern, ist ein Erlebnis für sich.

IMG_1462IMG_1586

Nichtsdestotrotz lässt mich gerade die Adventszeit wieder besonders an mein Zuhause und meine Lieben denken und ich freue mich schon unglaublich darauf, euch alle bald wieder zu sehen! So langsam ist es an der Zeit, wieder in den gewohnten Alltag zurückzukehren und ich bin auch mehr als bereit, aus Fantoft auszuziehen. Viele der ausländischen Studenten scheinen ihre Prüfungen nun schon geschrieben zu haben und insbesondere die Freitagabende sind geprägt von betrunkenen, unglaublich lärmenden Studenten… Eine Einstellung, mit der ich mich so überhaupt nicht identifizieren kann…

Stellt euch vor, heute hatten wir sogar Schnee! Erst gestern Abend überkam mich die eher traurig-ernüchternde Tatsache, hier wohl keinen Schnee mehr zu sehen- und heute Morgen waren die Berge plötzlich leicht überzuckert und auf dem Fløyen konnte ich, pünktlich zum 1. Advent, meinen ersten Kontakt mit dem seit letztem Jahr eher unbekannten Naturphänomen namens „Schnee“ machen. Gut, ich muss zugeben, dass es sich bei dem heutigen Stellvertreter eher um den hier unter dem liebevollen Namen „Slaps“ bekannten Vertreter handelte, unser deutsches Wort „Schneematsch“ dürfte eine gute Wiedergabe dieses lautmalerischen norwegischen Wortes sein.

IMG_1605

Ihr seht also, Bergen ist ein echtes Weihnachtswunderland und die Bergenser selbst sagen gerade in diesen Tagen vermehrt, wie wichtig es ist, in der dunklen Zeit ein Licht zu entzünden. Denn das Licht, so sagte es der Pfarrer heute beim „Lystenning“ auf dem Fløyen, ist letztendlich doch immer stärker als die Dunkelheit. Ein wunderbarer Gedanke, findet ihr nicht auch?

Die allerbesten Vorweihnachtsgrüße aus dem adventlichen Bergen!

IMG_1600

Reklamer