Der September neigt sich dem Ende zu, der Oktober klopft bereits an die Tür und auch der Herbst hat nun endgültig Einzug gehalten in Norwegen. Nicht nur das Verfärben der Blätter weist darauf hin, auch das Wetter hat sich innerhalb der letzten beiden Wochen gewandelt. Der einst strahlend blaue Himmel ist einem mehr oder weniger einheitlichen Grau gewichen und auch der berühmt-berüchtigte Bergenser Regen hat uns schon eine kleine Kostprobe gewährt. Die Wettervorhersage beweist, dass Bergen nicht ganz zu Unrecht als regenreichste Stadt Europas gilt- während in Oslo gut und gerne freundliches Wetter herrscht, regiert hier eher das kleine Wölkchen-Symbol mit den netten Regentröpfchen… Letzten Freitag hatten wir ein erste Kostprobe dessen, was das Wetter hier so bieten kann: Sonne, Starkwind, Regen und Hagel! Tag und Nacht scheinen momentan einen besonders interessanten Kampf zu führen, das Tageslicht wird hierbei innerhalb kürzester Zeit rasant zurückgedrängt. War der Sonnenuntergang für heute noch auf 19.14 Uhr angesetzt, zieht sich die Sonne am Montag bereits um 18.56 Uhr hinter den Horizont zurück. 20.47 Uhr war der Sonnenuntergang dabei noch vor genau einem Monat. Dass es die Sonne hier scheinbar so eilig hat, liegt nicht zuletzt daran, dass sie am 31. Oktober bereits um 16.44 Uhr der Nacht zu weichen hat, zudem will sie es am 21. Dezember auf die Spitzenzeit von 15.29 Uhr bringen, der Sonnenaufgang ist hier auf 9.44 Uhr angesetzt. Ich bin schon gespannt, wie sich diese kurzen Tage hier anfühlen! Die Touristenströme ebben ab und auch der Fischmarkt verkleinert sich zusehends, nur noch wenige Stände versuchen, ihre Waren unter die Menschen zu bringen (arglose Touristen, die gut und gerne das Dreifache zahlen, nur weil sie auf dem Fisketorget einkaufen möchten ;)). Zudem habe ich letzten Dienstag die ersten „kakemenn“ im Regal entdeckt- kleine Kuchenmenschen, die mit ihrem Bart und ihrer roten Zipfelmütze verdächtig an die ein oder andere Weihnachtsfigur erinnern…

IMG_0884 IMG_0890

IMG_0897

Die letzten Schönwetter-Wochenenden haben wir im September noch genutzt, die Gegend zu erkunden und den ein oder anderen Berg zu erklimmen. Ich habe nun alle 7 Berge von oben betrachten können, ein wichtiges Ziel eines Bergen-Aufenthaltes ist somit schon einmal erreicht 😉

IMG_0765

Anfang September bekam ich die Gelegenheit, mit der Forschergruppe der Mittelalterfilologie an einer Exkursion zum Hardangerfjord teilzunehmen. Wir haben viele alte Gebäude angeschaut, ich muss jedoch zugeben, dass die Landschaft weitaus beeindruckender war 😉 Der Hardangerfjord stellt nämlich eines der Obstanbaugebiete Norwegens dar und entlang der steilen Ufer schmiegen sich Apfel- an Apfelbäume, die mit einer beeindruckenden Ernte aufwarteten. Zudem begann die Herbstfärbung bereits, für ein wunderschönes Bild zu sorgen. Bunte Bäumchen säumten die Flanken des klaren, ruhigen Fjordwassers- Norwegen, wie man es sich vorstellt. Zudem leuchtete das weiße Eis des Folgefonna-Gletschers in der Nähe und vervollständigte das stimmungsvolle Bild. Übernachtet haben wir stilecht in kleinen Camping-Hütten und auch das abendliche Grillen wartete einmal mehr mit einer norwegischen Spezialität auf: dem Pølsebrød. Den meisten von euch dürfte dieses durch diverse Besuche des blau-gelben Möbelhausriesen bekannt sein, ein bisschen Würstchen, ein bisschen Würstchen-Brot, Zwiebeln und Ketchup- fertig ist der norwegische Hot-Dog.

Da wir gerade die kulinarische Seite betrachten, muss ich unbedingt auf meine „Pilz-Premiere“ verweisen. Der „Bergen Soppforening“, der örtliche Pilzverein (kein Scherz!) lud Interessierte zu einer Pilzwanderung ein, bei der wir durch ein Waldstückchen marschiert sind und die enorme Ausbeute an Pilzvegetation genauer unter die Lupe nehmen konnten. In diesem Jahr wachsen wohl so viele Pilze wie selten zuvor, das Gemeine an der Sache ist jedoch, dass ein kleiner brauner Pilz scheinbar überall aus dem Boden schießt und zum Pflücken lockt- dieses Pflänzchen stellt jedoch eine der größten potentiellen Lebensgefahren im Umkreis dar. Der Pilz hat es sich zur Aufgabe gemacht, schon mittels kleinster Mengen seine leichtgläubigen Opfer zur Strecke zu bringen, allerdings erst nach zwei Wochen, schließlich muss er sich erst über innere Organe hermachen. Unsere Pilze wurden jedoch fachkundig für essbar erklärt und nach Ablauf der zwei Wochen kann ich nun guten Gewissens davon ausgehen, die richtigen Pilze verspeist zu haben.

Zudem haben wir die Möglichkeit genutzt, eine weitere deutsch-französische Reise zu unternehmen, unser Ziel war diesmal die insbesondere bei Austauschstudenten so beliebte „Trolltunga“, die „Trollzunge“. Das Besondere an den norwegischen Naturwundern ist meiner Meinung nach, dass sie nicht einfach so innerhalb kürzester Zeit vom Parkplatz aus zu erreichen sind. Verlangte schon die Wanderung zum Preikestolen ein gutes Stück an Fußarbeit, so wartete Trolltunga mit einer zu bewältigenden Strecke von 11 Kilometern (ein Weg) auf, bei dem mehrere hundert Höhenmeter erklommen werden mussten. Nach einer Übernachtung im Zelt mit Lagerfeuer, Stockbrot und Marshmallows machten wir uns frühmorgens auf den Weg, erst durch herbstlichen Wald immer einen der Gipfel vor Augen, ehe wir ein Plataeu durchquerten, das uns die norwegische Hüttenkultur in ihrer ursprünglichen Bandbreite aufzeigte. Hüttchen an Hüttchen fand sich in dem eher kargen Hochland, vermutlich waren dies nur die Sommerhütten, denn im Winter kommt man hier nicht mehr hoch. Zudem habe ich zahlreiche kleine Lemminge gesehen, die, so habe ich wenig später erfahren, nur alle sieben Jahre dort oben herumhüpfen und die leider schon bei der kleinsten Aufregung das Löffelchen abgeben. Nach mehreren Stunden hatten wir unser Ziel schließlich erreicht und konnten auch bald zu den obligatorischen Bildern schreiten, die momentan die Facebook-Profile jedes dritten Bergenser Austauschstudenten zieren. Glücklicherweise trafen wir auf eine nur kleine Warteschlange, zu Spitzenzeiten trägt diese zu einer Pause von wohl gut und gerne mehr als einer Stunde bei… Der Rückweg wurde leider vom Regen begleitet, nichtsdestotrotz erreichten wir nach gut 10 Stunden unser Auto und konnten uns so auf den Heimweg nach Bergen machen.

IMG_0776IMG_0777IMG_0824IMG_0833IMG_0858DSC_0308DSC_0308

Nächste Woche hat die humanistische Fakultät bereits ihre Herbstferien (getarnt als „Studien-“, bzw. „Lernwoche“). Ich denke jedoch, dass es mir als Austauschstudent, der nur ein Semester vor Ort ist, erlaubt sein wird, diese Zeit zu einer weiteren Unternehmung zu nutzen und auch die norwegischen Studenten reisen in der Gegend herum. Mein Ziel ist Oslo, Montag Mittag wird mich die Bergensban in die Hauptstadt Norwegens bringen, gemeinsam mit einer Freundin werde ich eine Freundin aus Deutschland besuchen, um schließlich am 11. Oktober früh morgens wieder Bergen zu erreichen.

Ich verbringe täglich mehrere Stunden an der Uni, bis zu 6 sind es Montags, Dienstags und Mittwochs. Ich merke jedoch, wie gut es meine Sprachfähigkeiten beeinflusst, es wird von Mal zu Mal einfacher, mit den anderen Studenten zu kommunizieren und den Muttersprachlern in ihrer gewohnten Geschwindigkeit und Dialekten zu folgen. Zudem habe ich ein Sprach-Tandem, Tale aus Norwegen, mit der ich mich einmal wöchentlich treffe. Ich habe neben vielen internationalen Freunden nun auch viel Kontakt zu Norwegern, mit denen ich nun immer leichter ins Gespräch komme. Ich habe sogar das Gefühl, nun besser Norwegisch als Englisch zu sprechen 🙂 Gestern hat mich Tale auf einen Tee eingeladen und mir Einblick in eine weitere interessante norwegische Tradition gegeben. Am 1. Oktober (also heute) startet hier die Hummer-Saison, das heißt, dass sich sämtliche Norweger zu einem See aufmachen und Hummer sammeln. Dieser wird dann vor Ort i Wasser eingepfercht und bis Weihnachten gefüttert (jawohl, richtig gelesen), ihr könnt euch nun sicher ausmalen wie die Geschichte (oder das Leben des Hummers) schließlich endet. Wer dabei nicht schnell genug den richtigen Platz erwischt, muss dabei mit einer schlechteren Hummer-Ausbeute rechnen.

Die Uni verlangt viel Lernarbeit, was jedoch gar nicht so einfach ist, wenn man quasi täglich bis zu 6 und mehr Stunden mit dem Lernen der Sprache beschäftigt ist. Isländisch wird hier in einem Tempo unterrichtet, das seinesgleichen sucht, wir haben bereits die Phonetik durch (die mit eine der schwierigsten überhaupt darstellt) und haben Substantive, Adjektive und Adverben abgeschlossen, sodass wir uns heute nun den Verben zuwenden konnten. Isländisch weist ein Kasussystem ähnlich dem Deutschen oder Lateinischen auf und- ich hätte nicht gedacht, dies einmal sagen zu können, Latein hilft mir beim Verständnis sehr. Isländisch hat es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, als eine der schwierigsten Sprachen überhaupt gelten zu wollen, ein Adjektiv kann beispielsweise 64 (!) verschiedene Formen aufweisen, bei den starken Verben gibt es gut 30, die eine eigene Ablautreihe bilden… Zudem übersetzen wir schon seit der zweiten Stunde isländische Texte ins Norwegische, was für Nicht-Muttersprachler eine weitere, jedoch interessante Herausforderung, darstellt.

Am 16. Oktober, also wenige Tage nach meinem Oslo-Aufenthalt, werde ich mein Zimmer wechseln. Dies liegt vormalig an meinen Nachbarn, die ich euch noch gerne vorstellen möchte: Nummer 1 ist die nette Baustelle neben dem Supermarkt, die morgens gegen 7 Uhr beschlossen hat, sämtliche Studenten unbarmherzig aus dem Schlaf zu reißen und diese mittels eines Presslufthammers den Tag über zu terrorisieren. Nummer 2 sind sämtliche weitere Baustellen und Wartungsarbeiten, die sich über den Wohnheimkomplex herum verteilen und mit der netten Baustelle ein Lärmkonzert der besonderen Art führen. Ich erwähne jetzt nicht noch extra meinen netten Untermieter, der es liebt, mit seiner Stereoanlage um die Wette zu singen. Leider zeigt mein Zimmer genau zu Klubb Fantoft, was bedeutet, dass ich entweder Lärm vom Klubb habe oder von den zahlreichen Studenten, die nachts betrunken um die Wette gröhlen müssen. Ich erhalte jedoch ein Zimmer, das zum Berg hin zeigt, Bäumchen und Vögelchen finde ich weitaus erträglicher! Ich werde mit einer Koreanerin zusammen ziehen, und ich freue mich darauf, etwas über ihre Kultur zu lernen und ihr auch etwas über Deutschland erzählen zu können.

Apropos Deutschland- die ganze Woche wird hier überall das Oktoberfest gefeiert, schon in Australien vor fünf Jahren zauberte mir dies ein Lächeln auf die Lippen 😉 Irgendwie scheint dies der deutsche Importschlager Nummer 1 zu sein… Am Freitag haben wir Oktoberfest in Klubb Fantoft, es gibt gratis Snacks und daher werden wir diese abstauben und uns einmal hautnah vor Augen führen lassen, wie die restliche Welt der Deutschen bekanntestes Fest sieht- ein sicherlich (sehr unterhaltsamer) Bericht folgt!

IMG_0892

Am 7. November sind wir Studenten eingeladen, Pfefferkuchen für Bergens Pfefferkuchenstadt (die weltgrößte!) zu backen- mein großer Plan lautet, Fantoft Stavkirke in Lebkuchenform gemeinsam mit Freundinnen zu verewigen. In Kürze werden wir uns daher treffen, um die Kirche genauestens zu studiere und einen Bauplan zu entwerfen 🙂

Vom 30. Oktober bis zum 6. November werde ich übrigens eine kleine Austausch-Studenten-Pause einlegen und einige Tage zu Hause genießen. Ich merke in der Fremde immer stärker, wie unglaublich viel mir meine Familie bedeutet und wie viel Unterstützung, Wärme und Kraft sie mir gibt! Man lernt innerhalb solch eine Aufenthaltes nicht nur viel über die Mentalität des Gastlandes, sondern auch über sich selbst und ich denke, dass sich viele Blickwinkel und auch die eigene Wahrnehmung verändern. Ich habe gemerkt, dass ich es nicht allen Menschen Recht machen kann, doch es gibt genügend Andere, die mich dafür mögen, wie ich bin. Und das bin ich, das ist meine Persönlichkeit, mit all ihren Stärken und Schwächen!

Ich denke, dies setzt einen guten Schlusspunkt unter meinen schon wieder etwas überlangen Blogeintrag- bald gibt es wieder mehr von mir!

Viele liebe Grüße aus dem Land der Fjorde, Trolle und des braunen Käses!

Eure Christiane

Reklamer