Seit meinem letzten Eintrag ist schon wieder so unglaublich viel passiert, obwohl er doch nur wenige Tage zählt! Ich erlebe so viele neue Eindrücke, dass ich mit dem Verarbeiten überhaupt nicht nachkomme.

Am Sonntag sind wir in einer international zusammengesetzten Gruppe auf dem Fløyen, Bergens eher kleinerem Hausberg, unterwegs gewesen. Wir haben Trolle gesehen und uns auf die Suche nach der mysteriösen unsichtbaren Hexe begeben, vor der überall gewarnt wird- vielleicht lag es daran, dass sie unsichtbar war und wir sie deshalb nicht gefunden haben? Auf jeden Fall ist es immer wieder ein Erlebnis, auf die Stadt „mellom fjell og fjord“ – „zwischen Bergen und Fjord“ zu blicken. In Bergen entwickelt sich einfach jeder zum Wanderfreund! IMG_0199IMG_0188IMG_0197

Kreuzfahrttouris tummeln sich zum Glück nur am Restaurant bei der Zahnradbahn, die Einheimischen wagen sich mitsamt ihrer kleinsten Familienmitglieder auf wilde Klettertouren und wir gingen einfach abseits der Wege auf den berühmt- berüchtigten „stier“- die norwegische Variante eines Pfades. Ich möchte die Natur hier so intensiv wie möglich erleben und habe mir vorgenommen, viel zu reisen, solange die Witterung es noch zulässt. Der Orkan am Wochenende hat hier ganz schön viel Schaden angerichtet, zahlreiche Bäume wurden in den letzten Tagen fachmännisch bearbeitet (oder vorsichtshalber zerlegt) und auch einer der Hauptwanderwege war etwas behindert worden. Seine sonntägliche Wander- oder Joggingtour lässt sich der Norweger dadurch allerdings nicht verderben und wir ebenso wenig- irgendwie sind wir einfach drüber geklettert!IMG_0178

Gestern begann dann die allseits bekannte „Fadderuke“, ein norwegisches Phänomen, das wohl seinesgleichen sucht. Wir wurden in unsere Gruppen eingeteilt und haben uns abends im eigens von der Humanistischen Fakultät angemieteten „Rick’s-Club“ getroffen, um innert vier Runden unser Wissen zu testen. Ich hatte das Glück, am Tisch mit meinen norwegischen Kommilitonen zu sitzen und wir haben uns blendend unterhalten. Wir haben zwar nichts gewonnen, Spaß hatten wir dafür eine ganze Menge und wissen nun auch, dass Hühner die Vögel sind, die auf der Welt am meisten verbreitet sind und dass Céline Dion den Eurovision Song Contest für die Schweiz gewonnen hat… 😉 Zudem bin ich seit gestern endlich stolze Besitzerin meines Studentenausweises, der mich offiziell als Studentin der „Universitas Bergensis“ ausweist (und ja, irgendwie bin ich hierauf ein klein bisschen stolz). Faszinierend war die Geschwindigkeit, in der das Kärtchen ausgestellt war- zwischen Foto und dem Aushändigen inklusive grüner Schutzhülle vergingen nicht einmal fünf Minuten!

Heute Morgen fand mit dem „Studenttorget“, also dem Studentenmarktplatz, schließlich ein Highlight statt- in der Sporthalle im Studentsenter haben sich alle studentischen Gruppen vorgestellt und eifrig um Mitglieder beworben. Christiane Hornung dürfte sich auf gut 20 Infolisten eingeschrieben haben, vermutlich werde ich in den nächsten Tagen ordentlich Platz in meinem Mailpostfach schaffen müssen! Einige Brownies, Boller (ein norwegisches Traditionsgebäck, kleine Hefeklöße, die mit Kardamom verfeinert wurden und auch in der Sorte Schokolade anzutreffen sind) sowie Schokoladenkuchenstücke und Süßigkeiten schwerer, bin ich nun zudem stolzer Besitzer eines Rucksacks, T-Shirts, Kartenspiels, Notizbuches, Bonbons, einer Tragetasche und unendlich viel Informationsmaterial. In den nächsten Wochen finden zahlreiche erste Infotreffen und Probetrainings statt, ich bin schon ganz gespannt! Es gibt hier vom Studenten-TV über -radio bis hin zur Zeitung hervorragende Möglichkeiten, journalistisch tätig zu sein. Beim Sport ist von (Mädchen-)Fußball über Karate, Segeln und Tauchen alles dabei, was das Herz begehrt, politische Gruppen, christliche Gruppen oder Chor, Theater und Revue ergänzen das Programm. Ich muss sagen, man hat hier weit mehr als die Qual der Wahl… Ganz toll ist auch „Bergen Friluftsliv“, ein Verein, der sowohl unter der Woche als auch jedes Wochenende kürzere oder längere Touren (eben ganz norwegisch) anbietet! In einer Woche ist das Infomeeting, dann weiß ich, wohin es mich überall verschlagen kann!IMG_0220

Sehr schön ist, dass sich in diesen Gruppen auch die Norweger tummeln und ich den ganzen Vormittag auf Norwegisch Infos an Infos einholen konnte. Eine weitere norwegische Eigenart ist es, dass die verschiedenen Gruppen so ziemlich alle zum normalen Programm Touren anbieten und auch auf gemeinsame Grilltage sind sie Nordländer ganz wild 😉 So einen haben wir auch morgen Mittag im Rahmen der „Fadderuke“, sofern uns das Bergenser Wetter hold ist- bei der offiziellen Willkommenszeremonie der Uni jedenfalls begrüßte uns nicht nur der Rektor, sondern auch der Bergenser Regen 😉 Mehrere Reden wurden gehalten und Musik gespielt, Dag Rune Olsen, unser Rektor hielt eine sehr gute Ansprache über das Studieren und die Verantwortung, die wir Studenten haben, die aber auch die Universität gegenüber uns hat. Gehalten wurden alle Reden auf Norwegisch, und ich war ganz stolz auf mich, dass ich auch die ihren Vestlandet-Dialekt nicht versteckenden anderen Redner verstanden habe 🙂IMG_0224

Ich habe euch noch gar nicht meine wunderschöne Fast-Nachbarin vorgestellt: Sie heißt „Fantoft Stavkirke“ und ist mit eines der schönsten Bauwerke in Bergen. In nur 10 Minuten erreicht man die in den 90er-Jahren nach einem Brand wiedererrichtete Kirche, deren unverkennbarer Teergeruch in die Nase steigt, sobald die Bäume den Blick auf die Stabkirche freigeben. Zudem habe ich den Weg um das wunderschöne Gebäude herum zu meiner exklusiven Joggingstrecke erklärt- und was soll ich sagen- es ist ein wunderbares Gefühl, diesem Kunstwerk so nahe sein zu können, das mit seinen reichen Verzierungen von Drachenköpfen und Kreuzen so unendlich viel aus der Welt der Wikinger und der Christianisierung des Nordens erzählt!IMG_0211

Eines muss ich diesem Blog noch hinzufügen- wer immer gesagt hat, Norweger wären so unheimlich verschlossen und unnahbar, der war noch nie in Bergen. Die Menschen hier sind so unglaublich freundlich und hilfsbereit, auch an der Uni, die zudem einfach nur atemberaubend gut organisiert ist. Das beste Beispiel ist aber vermutlich unser IKEA-Besuch vergangenen Freitag: zwei junge Norweger kamen einfach mal zu uns rüber, um uns zu grüßen, da sie gehört haben, dass wir aus dem Ausland kommen 🙂

Es ist einfach nur unglaublich, wie viele internationale Gespräche ich innerhalb einer Woche nun schon geführt habe- letztens bin ich auf dem „Fisketorget“, Bergens bekanntem Fischmarkt, der dem ahnungslosen Besucher vor Augen führt, was sich in den friedlich anmutenden Gewässern um die Stadt herum tummelt, mit einem jungen Mann aus Hongkong ins Gespräch gekommen, der dort an einem der Verkaufsstände tätig ist. Probieren wollte ich lieber nicht (Walfleisch und getrockneter Fisch…), nach kurzer Zeit haben wir jedoch herausgefunden, dass er im selben Studentenwohnheim wohnt und zudem auch den Block mit mir gemein hat- er nächtigt nur drei Stockwerke unter mir! Sachen gibt’s… Was mich zu meinem abschließenden Punkt führt: Ich bin in diesem Eintrag schon mehrmals auf Dialekte eingegangen- hier werde ich nach nur wenigen Worten von den doch weit verbreiteten, deutschkundigen ERASMUS-Studenten gefragt, ob ich denn aus dem Süden komme. Ja, ich habe meinen Akzent und ich sollte, wie die Norweger auch, stolz darauf sein! Die anderen werden nämlich nie bereits nach wenigen Sätzen nach ihrer Herkunft gefragt. Stellt euch vor, gestern hat mich Jemand gefragt ob ich aus Bayern komme!!! Und es kommt noch schlimmer: „Kommst du aus Baden?“ ???!!!

Viele liebe Grüße aus kühlen 13 ° Celsius ins warme Deutschland (und ihr werdet es nicht glauben, aber es regnet!!

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